Berlin: Fortgesetzter S-Bahn-Ärger zwischen Berlin und Potsdam

Noch bis Dezember 2012 steht den Fahrgästen zwischen Berlin und Potsdam nur die S-Bahn-Linie 7 zur Verfügung, und deren Zuverlässigkeit hat seit dem 29. April durch Bauarbeiten im Bereich Nikolassee dramatisch abgenommen. Der Berliner Fahrgastverband IGEB hat zu dieser Problematik in den letzten Wochen mehrere Gespräche geführt und kommt nach deren Auswertung zu folgenden Ergebnissen:

1. Ein erheblicher Teil der Verspätungen auf der S7 entsteht auf der Stadtbahn. Verspätungen gibt es vor allem durch die zeitweilige 8-Minuten-Lücke, durch Stoßverkehre zu Vorlesungsbeginn an den Universitäten, durch große Gruppen mit Gepäck nach Ankunft eines Fernzuges am Hauptbahnhof sowie durch die vielen Touristen, die als Gruppe oder durch Ortsunkenntnis langsamer ein- und aussteigen. Deshalb bekräftigt der Berliner Fahrgastverband IGEB seine Forderung, dass die S75 von Wartenberg tagsüber täglich im 10-Minuten-Takt bis zum S-Bahnhof Westkreuz durchgebunden werden muss. Damit fahren dann jeweils 6 Züge innerhalb von 20 Minuten. Nur diese Maßnahme ist geeignet, die Verspätungen durch das hohe und weiter wachsende Verkehrsaufkommen auf der Stadtbahn abzubauen und damit die S7 nach Potsdam (und zugleich die S5 nach Strausberg) zu stabilisieren.

2. Den Vorschlag eines Reservezuges im Bahnhof Grunewald, der bei Verspätungen einer von der Stadtbahn kommenden S7 eingesetzt wird, hält der Berliner Fahrgastverband IGEB nicht für geeignet. Dieser Zug verstopft zusätzlich den Abschnitt Grunewald – Potsdam mit den vielen eingleisigen Teilabschnitten. Das Konzept der S-Bahn, im Bedarfsfall zwei Züge in einer Richtung nacheinander über den eingleisigen Abschnitt in Nikolassee durchzuschleusen, hält der Fahrgastverband IGEB für besser.

3. Der Berliner Fahrgastverband IGEB bekräftigt seine Forderung nach Verlängerung der in Wannsee endenden Buslinien 114 und 316 zum S-Bahnhof Nikolassee, damit die Fahrgäste dort direkt in die S1 einsteigen können. Für die Fahrgäste dieser Linien hat sich die Fahrzeit Richtung Zehlendorf/Steglitz/Schöneberg durch das Zurückziehen der S1 nach Nikolassee oft mehr als verdoppelt. Wichtig ist die Maßnahme ganz besonders bei der Buslinie 316, weil in dieser auch Fahrgäste aus Potsdam sitzen.

4. Der Berliner Fahrgastverband IGEB fordert mehr Ehrlichkeit. Angesichts des Ausmaßes der eingleisigen Abschnitte und der weiterhin notwendigen Betriebsfahrten zur Werkstatt in Wannsee sollte niemand die Erwartung wecken, dass der S-Bahn-Verkehr zwischen Berlin und Potsdam bis November 2012 (geplantes Ende der Bauarbeiten in Nikolassee) so stabil gefahren werden kann, wie es noch bis zum Beginn dieser zusätzlichen Bauarbeiten am 29. April 2012 möglich war. Auch die o.g. IGEB-Forderungen werden das nicht ermöglichen, können aber einen wichtigen Beitrag zur Entspannung der Situation leisten. An dieser schwierigen Situation sind auch die Länder Berlin und Brandenburg mitschuldig, die sich seit 1990 nur unzureichend für den überfälligen zweigleisigen Ausbau der S-Bahn-Strecke Wannsee – Potsdam Hbf eingesetzt haben (Pressemeldung Berliner Fahrgastverband IGEB e.V., 13.06.12).

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von Fahrgastinitiative BB Veröffentlicht in Bahn Aktuell

Berlin: Senat bindet Verbände in S-Bahn-Planungen ein

Derzeit macht sich die Berliner Verkehrsverwaltung in einer ungewohnten Offenheit gemeinsam mit interessierten Verbänden Gedanken zu den Anforderungen an eine neue Fahrzeuggeneration der Berliner S-Bahn. Dieses Vorgehen muss und soll vom DBV gelobt werden! Die schlechten Erfahrungen aus und mit der S-Bahn-Krise haben wohl dazu geführt, dass die Verkehrsverwaltung aus den Fehlern lernen will und die Meinungen der Verbände anhört.

In der vergangenen Woche fand zu verschiedenen Themenfeldern – beispielsweise Überlegungen zur Zugkonfiguration und Ausstattungsmerkmalen – eine Zusammenkunft in der Verkehrsverwaltung statt. Über drei Stunden wurde diskutiert und ein sehr sachlicher Meinungsaustausch gepflegt.

Der DBV ermutigt die Verkehrsverwaltung, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und die bisherige Geheimniskrämerei und Geheimhaltung für die Zukunft aufzugeben. Nur im intensiven Dialog mit den Verbänden ist ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Ein ganz anderes Bild in Brandenburg. Derzeit wird hinter verschlossenen Ministeriumstüren der Landenahverkehrsplan 2013 bis 2017 erarbeitet. Die Öffentlichkeitsbeteiligung besteht darin, dass jeder seine Ideen schriftlich kundtun konnte. Einen konkreten Ministeriumsentwurf, auf den bezug genommen werden könnte, gibt es nicht. Selbst eine parlamentarische Debatte über den voraussichtlich im Frühherbst fertigen Entwurf ist nicht vorgesehen. Der erarbeitete Entwurf wird dem Verkehrsausschuss zur Kenntnis gegeben und später von der Landesregierung in Kraft gesetzt.

Demokratische Mitwirkung verkommt zur Farce. Dabei wäre eine breite und ergebnisoffene Diskussion um die verkehrspolitischen Ziele bis 2017 vor dem Hintergrund der vielen Herausforderungen dringend notwendig. Genannt seien der Bevölkerungsrückgang und die stetige Zunahme Älterer in der Bevölkerung, der demografische Wandel, zunehmende Umweltprobleme, Verschuldung, Schuldenbremse und steigende Kraftstoffpreise als Stichpunkte. Aber die Brandenburger Landesregierung weiß alleine, was gut für die Bevölkerung ist deshalb an den klugen Ratschläge der Verbände nicht wirklich interessiert! Eine grundsätzliche Diskussion darüber, wie das Bahn- und Busangebot der nächsten fünf Jahre aussehen soll, wäre notwendig. Eine solche Diskussion wird aber vom Politbüro nicht gewünscht.

Das Berliner Verhalten sollte für das Brandenburger Verkehrsministerium Vorbild sein. Was nützt es der Demokratie, der Teilhabe an der politischen Willensbildung und letztendlich dem Land mehr, als eine breite und ergebnisoffene Diskussion! Deshalb ermuntert der DBV den Berliner Senat ausdrücklich, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Auch die Vorbereitung der späteren Ausschreibung sollten in der gleichen Weise transparent durchgeführt werden. Der DBV wünscht sich für Brandenburg ein ähnliches Verhalten wie das Berliner Vorgehen. Brandenburg kann von Berlin lernen (Pressemeldung Deutscher Bahnkunden-Verband Landesverband Berlin-Brandenburg, 13.06.12).

von Fahrgastinitiative BB Veröffentlicht in Bahn Aktuell

Brandenburg: Streckensterben erreicht neuen Rekord

Seit September 2009 wird Brandenburg von einer rot-rot Koalition regiert. Wer daraus einen gewissen landespolitischen „Schienenbonus“ ableitet, muss angesichts des aktuellen Umgangs mit dem Schienennetz enttäuscht sein. Denn seit einem Jahr gibt es so viele Entwidmungen wie zwischen 2000 und 2008 nicht – ein trauriger Rekord:

• April 2011 Belzig — Preußnitz 19,9 km

• Juni 2011 Rathenow — Neustadt 30,3 km

• August 2011 Bad Saarow-Pieskow Süd — Beeskow 17,4 km

• Dezember 2011 Templin Stadt — Prenzlau West 33,8 km

• Dezember 2011 Golzow — Reckahn 8,4 km

Was kaum glaubbar schien, ist inzwischen Wirklichkeit geworden. Unter der rot-roten Landesregierung sind mit ihrer Zustimmung und Duldung Bahnstrecken mit einer Länge von 110 km entwidmet worden. Planerisch und rechtlich haben sie damit aufgehört, ein Verkehrsweg zu sein.

Ein Verkehrsbedürfnis, so die Gesetzesdefinition, ist auf Dauer bei ihnen nicht mehr zu erwarten. Nicht heute, nicht in fünf und auch nicht in 25 Jahren. Sonst hätte das Verkehrsministerium einer Entwidmung widersprechen müssen!

Ein Konzept, wie die schon heute bekannten Bevölkerungs-, Verkehrs- und Umweltprobleme gelöst werden sollen, existiert offenbar nicht. Die rot-rote Landesregierung glaubt nicht an eine „Renaissance der Schiene“.

Im Gegensatz dazu die hoffnungsvollen Ausführungen in der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und Linkspartei: „Die Koalition strebt eine Stärkung des Bahnverkehrs durch Erhalt, Lückenschluss und Ertüchtigung des Schienennetzes und Qualitätsverbesserungen in der Fläche an…“

Dieses Streben nach einer Stärkung wird durch das praktizierte Verhalten konterkariert. Besonders deutlich wird der Gegensatz zwischen dem Zitat und der Wirklichkeit beim Abschnitt Rathenow — Neustadt. 2015 findet in der Havelregion die Bundesgartenschau statt, die zehntausende von Besuchern haben wird. Die ersten Verkehrskonzepte sahen für die Verbindung einiger Standorte die Nutzung dieser Schienenstrecke vor; der DBV wies auf die bevorstehende Entwidmung hin. Nun setzt man auf politischer Ebene überwiegend auf die Anreise mit Pkw und Bus!

Der DBV-Landesverband kritisiert das leichtfertige Aufgeben von Schienenstrecken. Leider ist bisher die rot-rote Landesregierung nicht bereit, über Alternativen nachzudenken. So hatte der DBV vorgeschlagen, alle Strecken, für die im Moment kein Verkehrsbedürfnis besteht, nicht zu entwidmen und stattdessen in einem „Streckenpool“ beim Land „zu sammeln“. Sie sollten für eine spätere Reaktivierung vorgehalten werden. Dadurch wären sie in ihrem Bestand gesichert — selbst dann, wenn Gleise und Anlagen zurückgebaut werden (Pressemeldung DBV Berlin-Brandenburg, 13.06.12).

von Fahrgastinitiative BB Veröffentlicht in Bahn Aktuell