Leipzig – Des Trauermärchens zweite Runde

Im Bahn-Kurier 47, 3/97, erschien anläßlich der Neueröffnung des Leipziger Hauptbahnhofes damals mein Artikel „Leipzig – Ein Trauermärchen“. Ich fand damals, es sei notwendig, nicht nur in das damals offiziell verordnete Jubelgeschrei über die Verwandelung eines der größten deutschen Personenbahnhöfe in einen Mega-Konsum-Tempel einzustimmen. Nun, zehn Jahre später, wollen wir doch mal sehen, was aus meinen damaligen Prophezeihungen geworden ist.

Zuerst die traurigste Nachricht: Mein getreuer, alter Trabi hat das Jahr 2007 leider nicht mehr erlebt, er fuhr bereits 1999 knatternd in den ewigen Autohimmel. Ich glaube, hier ist jetzt eine Schweigeminute angebracht.

Doch nun die gute Nachricht: HELMUT KOHL IST WEG!!! Sah es noch 1997 so aus, als würden wir den dicken Pfälzer nie vom Halse kriegen, so war er binnen Jahresfrist verschwunden und Deutschland konnte Ende September 1998 endlich befreit aufatmen. Eine Kanzlerschaft des Dicken bis 2007 blieb uns und unserem Lande glücklicherweise erspart. Bei vielen weiteren Prophezeihungen kann ich feststellen, daß sie, zumindest in ähnlicher Form, eingetroffen sind.

Nennt mich also ab sofort Nostravolkerus und betet mich an, ihr ungläubigen Hunde!! Doch Spaß beiseite, ob es unbedingt so gut für unsere Eisenbahn ist, was in den letzten 10 Jahren passierte, darf wohl bezweifelt werden. Wenn es nur um die Börsentauglichkeit geht, dann ist es wohl besser, Herr Mehdorn läßt seine Finger von der Bahn (Verzeihung, das heißt ja jetzt DIE BAHN) und bäckt Plätzchen. Damit kann er von mir aus an die Börse gehen, damit richtet er jedenfalls nicht soviel Schaden an als mit einer börsentauglichen Rumpf-Bahn, die dann womöglich noch von irgendwelchen Hedge-Fonds geschluckt und endgültig zur Sau gemacht wird.

Doch noch eine gute Nachricht ist zu vermelden: Das von mir vorhergesagte Streckensterben im Westerzgebirge hat (bislang) noch nicht stattgefunden. Im Gegenteil, die Erzgebirgsbahn, eine Tochter von DB Regio, hat die Strecken saniert und fährt einen modernen SPNV in dieser Region, ergänzt durch die private Vogtlandbahn. Doch worauf ich damals vor zehn Jahren überhaupt nicht eingegangen bin, obwohl er damals schon in Planung war, ist der City-Tunnel Leipzig.

Ich konnte mir halt wirklich nicht vorstellen, daß halbwegs gesunde Menschen zu solch einem Schwachsinn fähig sind. Doch mittlerweile wird unter Leipzig kräftig gebohrt. Erdöl wird man dabei wohl keins finden, auch wenn dies die letzte Chance wäre, die explodierenden Kosten wenigstens etwas einzudämmen. Aber es ist in den letzten 10 Jahren etwas passiert in Leipzig. Wann genau es geschah, weiß ich nicht. Es hat wahrscheinlich keiner gemerkt. Doch irgendwann fühlte sich die Stadt Leipzig, mit ihren rund 500 000 Einwohnern sowohl im nationalen, vor allem aber im internationalen Maßstab eher eine größere Provinzhauptstadt, zur Weltstadt vom Range Londons, Roms oder Tokios berufen. Die Olympiabewerbung Leipzigs, über die sich der Rest des Landes eher amüsierte, tat diesem Ego auch nicht besonders gut, genauso wenig wie die Fußball-WM. Aber nun hat Leipzig ein WM-Stadion, man ist also eine Fußballstadt.

Dumm ist nur, daß die derzeit hochrangigste Leipziger Fußballmanschaft in der Amateur-Oberliga Nordost herumkickt und sich dort packende Duelle mit Weltklasse-Klubs vom Range eines FC Eilenburg oder VfB Sangerhausen liefert.Aber egal, wenn Leipzig etwas haben will, sei es ein neuer Bahnhof, ein Tunnel, ein Mega-Stadion oder neue Autobahnen, dann bekommt es Leipzig auch. Und wer bezahlt? Natürlich nicht Leipzig, nein, wir alle mit unseren Steuern und dem Solidaritätszuschlag! Das da mittlerweile einige westdeutsche Kommunen, im Vergleich mit Leipzig unbedeutende Kleinstädte wie Dortmund, Köln oder München, nun mittlerweile den Sinn dieses Zuschlages bezweifeln, ist vor diesem Hintergrund durchaus verständlich. Bitte versteht mich hier nicht falsch. Den Sinn des Solizuschlages an sich will ich hier gar nicht in Frage stellen. Dank der von Helmut Kohl komplett vor die Wand gefahrenen Wiedervereinigung Deutschlands werden wir ihm (leider) wohl noch lange brauchen. Aber er darf nicht zur Finanzierung irgendwelcher Prestigeobjekte größenwahnsinniger Provinzfürsten mißbraucht werden. Er sollte vielmehr in eine Schwerpunktförderung umgewandelt werden, die allein nach wirtschaftlichen Kenndaten erfolgt, ohne Berücksichtigung der geographischen Lage. So gibt es auch in Westdeutschland durchaus Regionen, die trotz entsprechender Infrastruktur schlechtere Wirtschaftsdaten und eine höhere Arbeitslosigkeit aufweisen, als z.B. Leipzig.

Ein solches Beispiel wäre unter anderen Gelsenkirchen. Nur liegt eben Gelsenkirchen nicht im Osten, also bekommt es gar nichts, während in Leipzig die Gelder sinnlos verpulvert werden. So bekommen wir in unserem Lande wohl kaum eine echte Solidarität hin.

Aber wagen wir doch erneut einen Blick in die Zukunft. Werfen wir noch ein paar Kohlen auf das Feuer und werfen einen Blick in meine magische Kristallkugel. Nun wir sehen seltsame Schleier und Nebelfetzen.

Hmmm, ich glaube ich sollte das Ding erst mal wieder putzen, außer Schleiern und Flecken sieht man ja gar nichts mehr. Also, zweiter Versuch, noch ein paar Kohlen auflegen, Dampfdruck prüfen (ja, ich weiß, es gibt mittlerweile auch schon magische Kristallkugeln mit Stecker dran, aber Dampfantrieb ist nun mal romantischer!) und schauen erneut in die Kugel. Aah, die Nebel lichten sich, ich sehe Umrisse, ja, wir sind in Leipzig im Jahre 2017 angekommen. Also schauen wir uns mal um. Das erste, was einem in Leipzig auffällt, ist die gewaltige Größe der Stadt. Kein Wunder, ist doch Leipzig mit rund 1,2 Millionen Einwohnern nach Berlin, Hamburg und München mittlerweile die viertgrößte Stadt in Deutschland und hat Köln auf Rang 5 abgedrängt.

Nur, wie hat es Leipzig geschafft, so schnell zu wachsen? Vor zehn Jahren waren es nur halb so viele Einwohner. Nun, schlichtweg durch Eingemeindungen. Man hatte irgendwann einmal festgestellt, das Leipzig mit seinen 500 000 Einwohnern als selbstgewählte Metropole von internationalem Rang eher lächerlich wirkte. Nun mußten auf Biegen und Brechen Einwohner her. Also wurde im gigantischem Stil eingemeindet. Städte wie Wurzen, Grimma, Borna, Döbeln, Rochlitz, Mittweida, Oschatz und Riesa sind mittlerweile Stadtteile von Leipzig geworden. Auch Halle, Merseburg und Weißenfels sollten eingemeindet werden, man war in Leipzig schon in voller Fahrt, da stellte man entsetzt fest, daß es da ja noch eine Landesgrenze gab. Man hatte ganz vergessen, daß (noch) nicht ganz Ostdeutschland zu Sachsen gehört. Und einzig und allein dem Schutz dieser Landesgrenze haben es die Hallenser, Merseburger und Weißenfelser zu verdanken, daß sie bis heute frei und unbesetzt leben können. Auch die Städte Delitzsch, Eilenburg und Torgau mit ihren ehemaligen Landkreisen suchten den Schutz der anhaltinischen Landesgrenze und erinnerten sich auf einmal des Wiener Friedensvertrages von 1815, nach dem sie infolge des napoleonischen Krieges zur preußischen Kriegsbeute wurden. Um der drohenden Eingemeindung nach Leipzig zu entgehen, wechselten sie nach einer Volksabstimmung im Mai 2011 zurück ins heimatliche Sachsen-Anhalt. Mittlerweile droht dem Freistaat Sachsen sowieso bald die Zwangsauflösung, da neben dem Verlust der genannten Landkreise andererseits die Stadt Leipzig, die nun fast an Dresden und Chemnitz grenzt, ein eigener Stadtstaat nach dem Vorbild von Berlin, Hamburg oder Bremen werden möchte. Restsachsen wäre danach für ein eigenes Bundesland zu klein, es droht die Aufteilung zwischen Brandenburg, Bayern und Thüringen. Doch schauen wir uns doch einmal die Verkehrssituation in Leipzig an.

Einen klassischen Regionalverkehr gibt es nicht mehr, aufgrund der Eingemeindung halb Sachsens zählt dies nun alles als S-Bahn. Durch diese S-Bahn-Linien hat nun der City-Tunnel Leipzig, der mit mehrjähriger Verspätung erst im Dezember 2015 eröffnet werden konnnte, wenigstens 57% der vorher zugrundegelegten Auslastung erreicht. Dafür sind aber die Baukosten noch einmal um 75% angestiegen. Dabei sind noch nicht einmal alle Folgeschäden des Tunnelbaues beseitigt. Zwar konnte der Portikus des Bayerischen Bahnhofes, der beim Zurückverschieben im Februar 2014 einstürzte, mittlerweile wieder aufgebaut werden, das Alte Rathaus ist aber nach wie vor gesperrt, der 2012 aus Sicherheitsgründen angetragene Rathausturm soll auch erst im nächsten Frühjahr wieder aufgebaut sein. Doch zurück zum City-Tunnel. Ab Fahrplanwechsel soll sich dessen Auslastung wesentlich verbessern. Es werden einfach alle nach Leipzig Hbf einfahrenden S-Bahnen aus Richtung Halle, Bitterfeld, Eilenburg, Leipzig-Riesa (über L.-Oschatz, L.-Wurzen oder über L.-Döbeln, L.-Grimma), Leipzig-Geithain (über L.-Lausick) swie Gera (über Zeitz) zum neugeschaffenen S-Bahn-Knoten Leipzig-Borna durchgebunden werden. Damit hätte der Unsinn, alle aus Leipzig-Riesa ankommenden S-Bahnen nicht mehr direkt zum Hbf, sondern erst einmal rings um die Stadt und dann durch den Tunnel zu fahren, ein Ende. Die Dresdener Regionalzüge fahren natürlich weiterhin erst einmal um die Stadt herum durch den Tunnel zum Hauptbahnhof. Auch der Regionalverkehr aus Zwickau und Chemnitz, der ja sowieso vom Süden her kommt, nutzt dan nach wie vor den Tunnel. Ein weiterer schöner Nebeneffekt ist die Entlastung des Hauptbahnhofes vom S-Bahn-Verkehr. Somit können nun auch die Gleise 14-20 abgebaut werden um Baufreiheit für eine Erweiterung des Parkhauses sowie weitere Ladenflächen zu schaffen. Einziger Wermutstropfen ist, daß einige Verkehrsfachleute nun eine Überlastung des Tunnels befürchten. Doch dies ist nun auch kein Problem, Bundesverkehrsminister Burkhart Jung, Nachfolger des zum EU-Kommissar avancierten Wolfgang Tiefensee (warum werden auf einmal alle ex-Bürgermeister von Leipzig Bundesverkehrsminister?), hat schon eine Studie zum Bau einer weiteren, parallel verlaufenden Tunnelröhre in Auftrag gegeben. Das passiert halt, wenn man den Bock zum Gärtner macht. Doch auch bei der LVB gibt es interessante Neuigkeiten. So ist die LVB das einzige Nahverkehrsunternehmen mit einer regulär verkehrenden Pferdebahn. Im Zuge der Eingemeindung Döbelns im Jahre 2012 wurde auch die 2007 als Touristenattraktion wiedereröffnete Pferdebahn von der LVB übernommen, die hierhin gleich einige ihrer unbeliebten Niederflurbeiwagen umsetzte. Zwar sind die Wagen für einen normalen Pferdebahnbetrieb zu schwer, doch in Leipzig denkt man in wesentlich größeren Dimensionen und fährt die Pferdebahn jetzt sechsspännig. Die grottenschlechten Laufeigenschaften der Wagen fallen jedenfalls beim Zuckeltrab der Pferde nicht so sehr auf. Trotzdem hagelt es mittlerweile Beschwerden der Einwohner des Stadtbezirkes Leipzig-Döbeln, die ihre historischen, liebevoll aufgearbeiteten Wagen wiederhaben wollen, die zum einen natürlich wesentlich besser in das Ambiente einer historischen Pferdebahn passen, andererseits aber auch bessere Laufeigenschaften als die Niederflurbeiwagen haben. Mal sehen, was dabei herauskommt. Andererseits waren ja die Dresdener Verkehrsbetriebe vor gut 15 Jahren mächtig stolz auf ihre neuen Niederflurzüge vom Typ NGT 8 DD, die damals mit einer Länge von 41,02 m die längsten Straßenbahntriebwagen in Europa waren. Nun darf natürlich Dresden nichts haben, was Leipzig nicht auch haben könnte. Nicht, daß jetzt Leipzig auch den NGT 8 DD beschafft hätte, nein, man ließ sich unter der Bezeichnung classic XXL gleich einen noch längeren Zug bauen, der nun 45,09m maß! Nun darf man dabei auch nicht übersehen, das der Dresdener NGT 8 DD eine Weiterentwicklung des Dresdener NGT 6 DD war, während er in Leipzig einen komplett neuen Typ darstellte. Zumal parallel dazu der in Leipzig entwickelte und gebaute Leoliner, also wieder ein komplett anderer Typ, beschafft wurde. Zusammen mit den schon vorhandenen Wagen der Typen T 4D, T 6 und NGT 6 ergab sich somit in Leipzig ein knatschbunter Wagenpark, bei dem so gut wie nichts miteinander kompatibel war. Doch dann besaßen die Dresdener Verkehrsbetriebe die Frechheit, ebenfalls classic XXL, unter der Bezeichnung NGT D 12 DD, zu beschaffen. Also mußte sich Leipzig den Ruhm der längsten Straßenbahn in Europa mit Dresden teilen. Dies konnte nicht so bleiben, also wurde der LVB-Vorstand aus dem Betriebsurlaub in Brasilien zurückgeholt und es wurde beraten. Ergebnis war,die Beschaffung des Leoliners auszusetzen, bereits fertige oder im Bau befindliche Züge wurden nach Halberstadt verkauft. Anstelle des Leoliners wurde nun ein Megaliner mit 56,8 m Länge konstruiert und ab 2013 beschafft. Solange mußten die letzten T 4D halt noch durchhalten. Doch um zu verhindern, erndeut im Rennen um die längste Straßenbahn in Europa geschlagen zu werden, wurde aus dem Megaliner gleich der Hyperliner entwickelt. Er besteht im Prinzip aus zwei festgekuppelten Megalinern. Durch den Wegfall von zwei Führerständen ergibt sich beim Hyperliner eine Gesamtlänge von 110,4 m! Ab 2015 gingen dann die Hyperliner mit viel Tamtam in den Einsatz. Leipzig hatte es mal wieder geschafft und es aller Welt gezeigt. Man hatte nun nicht mehr die längste Straßenbahn Europas, sondern die längste Straßenbahn der Welt! Mit den Hyperlinern werden Schnellbahneinsätze gefahren, die in der Innenstadt aufgrund des kurzen Haltestellenabstandes nur an jeder zweiten Haltestelle halten müssen. Wer dazwischen aussteigen will, der steigt halt hinten ein, läuft bis ganz vor und steigt wieder aus, da er, ohne einen Meter gefahren zu sein, schon an der nächsten Haltestelle angekommen ist. Das ist sächsischer Erfindergeist, wie wir ihn lieben. Mit einem letzten Zischen geht auf einmal meine dampfbetriebene magische Kristallkugel aus. Dampfmangel! Nun, ich habe genug Unsinn gesehen. Bin ja einmal gespannt, was davon in den nächsten 10 Jahren wirklich eintritt. Warten wir halt bis 2017, dann werden wir mehr wissen. Und ich muß jetzt erst einmal den Kessel meiner magischen Kristallkugel ausschlacken.

In diesem Sinne

Euer Volker Reiche

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