English for You – oder – One Ticket to Berlin please!

Gepostet am

(Volker Reiche) Zugegeben, ldeenlieferant zu diesem Artikel war ausnahmsweise mal nicht die Keks-AG sondern die ebenso geliebte Telekom, die uns einen Werbebrief zum Thema ISDN ins Haus bescherte.

Mein Vater schickte diesen Brief postwendend zurück und bat um deutsche Übersetzung dieses stark mit englischen Fachbegriffen durchsetzten Briefes.

Dabei kam mir mal wieder unsere gute, alte Keks-AG in den Sinn, deren neueste Innovationen vom deutschen Volk häufig nicht so recht verstanden werden, da sie in der Regel mit englischsprachigen Namen versehen werden. Warum? Keine Ahnung, aber offensichtlich ist man der Meinung, daß viele Begriffe auf englisch irgendwie besser klingen.

Ist auch richtig, ein Zug namens „Interstadt“ klingt irgendwie blöd. Intercity klingt da eindeutig besser. Der internationale Bruder des IC heißt bekanntlich Eurocity. Zu deutsch Eurostadt. Klingt genauso blöd wie Interstadt. Doch Eurostadt könnte auch als Abkürzung interpretiert werden. Zum Beispiel für Europastadt. Klingt schon weniger blöd. Aber daß sich hinter diesem Begriff eine Zuggattung verbirgt, darauf würden wohl die wenigsten kommen.

Nachts fährt anstelle des EC der Schlafwagenzug mit dem wohlklingenden Namen City-Night-Line. Man kann sich unter diesem Begriff etwas vorstellen, ohne die genaue Übersetzung zu kennen. Doch wer die Übersetzung kennt, der wird sich fragen, was bitteschön eine ,,Stadtnachthnie“ ist. Ich stelle mir unter diesem Begriff eher die nächtlichen Bus- oder Straßenbahnverbindungen der Halleschen Verkehrs-AG (HAVAG) vor. Daß eine ,,Stadtnachtlinie“ aber ein internationaler Schlafwagenzug ist, darauf muß man erst mal kommen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Intercity-Night und dem Euro-Night. Interstadtnacht klingt unlogisch. und daß Euronacht ein Zug ist, läßt sich aus dem Begriff auch nicht erkennen. Es könnte sich dabei auch um die weißen Nächte von Leningrad (Pardon, St Petersburg) handeln.

Der schnellste Zug, der Jungs vom großen Keks ist der brückeneinreißende Intercity Express. Hier kann man aus der Übersetzung „Interstadt-Express“ sogar erkennen, daß es sich dabei irgendwie um einen Zug handeln muß. Wahrscheinlich um eine Art S-Bahn oder einen beschleunigten Vorortzug.

Immerhin besteht bei dem lnterstadt Express eine starke sprachliche Verwandtschaft mit dem Stadtexpress. Den gibt es ja bekanntlich auch, er pendelt z.B. zwischen Halle und Leipzig mit Zwischenhalt in Schkeuditz. Ist also der ICE so etwas ähnliches? Nun, jeder weiß, das er es nicht ist Mit 250 km/h wäre er auch etwas schnell dafür.

Dem GB Cargo (jetzt DB Cargo AG) scheint es ja nicht gerade an Selbstvertrauen zu mangeln. Immerhin prangt an jeder neulackierten Cargo-Lok der bekannte Schriftzug „DB CARGO“, der zuweilen als ,,DB CHAOS“ übersetzt wird. Diese Übersetzung ist jedoch falsch (auch wenn sie in der Realität häufig zutreffend erscheint). Cargo heißt auf deutsch schlicht und einfach Fracht. Nun stelle man sich eine 108 (Pardon, 298) vor, auf der stolz und selbstbewußt der Schriftzug ,,DB Fracht“ prangt. Sähe wahrscheinlich leicht dämlich aus

Doch es geht noch weiter. So wollte Onkel Heinz ja einmal den Begriff „Bahnhof“‚ abschaffen. Er sollte ersetzt werden durch den Begriff „Zughafen“ – natürlich auf englisch, es hätte dann „Trainport“ geheißen. Spinnen wir den Faden ein mal etwas weiter:

Nachdem man also mit der Tram (Straßenbahn) auf dem Trainport (Bahnhof) der German Rail (Keks- AG) angekommen ist, holt man sich erst einmal im Tickethouse (Fahrkartenausgabe) sein Ticket (Fahrkarte). Man erkundigt sich danach beim Service-Point (Information), ob es schon neue Railbooks (Kursbücher) gibt. Danach geht man zu seiner Railplattform (Bahnsteig) und wartet auf seinen Intercity (das Thema hatten wir schon). Nachdem man da eingestiegen ist, zeigt man sein Ticket den Guard (Schaffner), der mit seiner Pinchers (Zange) einen Pinchers-Pressing (Zangenabdruck) auf dem Ticket hinterläßt. Dabei fährt man am Rail-Tower (Stellwerk), auf größeren Trainports und Central-Trainports (Hauptbahnhöfe) auch Central-Rail-Tower (Zentralstellwerk) geheißen, von dem der Train-Manager (Fahrdienstleiter) friendly (freundlich) grüßt.

Sieht so die Future (Zukunft) unserer Bahnreisen aus? Und vor allem, warum diese Anglismen? Ist die deutsche Sprache am Ende? Ich glaube nicht, man muß sich bloß etwas Mühe geben, und schon findet man für all diese Anglismen auch logisch klingende deutsche Namen. Außerdem lohnt sich auch ein Blick in die Vergangenheit, als es schon Eisenbahnen, aber noch keine Anglismen gab. Da hieß ein Zug, in etwa vergleichbar mit dem IC (wenn auch viel langsamer) schlicht Städteexpress und gehörte zu den Expresszügen (Express). Dazu gehörte auch der Internationale Expresszug (IEx), vergleichbar mit dem EC.

Schaut man in ein altes Kursbuch der dreißiger Jahre und schaut sich die damaligen Triebwagen-schnellverbindungen an, so stellt man fest, daß sie nicht als ICE sondern als FDt (Fernschnelltriebwagen) unterwegs waren.

Nur hieß die damalige Bahnverwaltung noch Deutsche Reichsbahn und nicht Deutsche Bahn AG (demnächst German Rail?). Doch warum ausgerechnet Englisch? Es gibt doch noch andere Sprachen. Liegt es daran, daß die englischsprachige USA seit 1945 der kapitalistische Bruder Deutschlands ist? Doch die DDR war bis 1989 eigenständig, unser sozialistischer Bruder war die Sowjetunion. Trotzdem sprechen wir im Osten noch nicht russisch.

Aber was wäre, wenn wir es doch täten? Wie würde das klingen? Testen wir es doch einfach mal an: Nachdem mal also mit der Tramway (Straßenbahn) auf dem Woksal (Bahnhof) der Nemjetzkaja Schelesnaja Daroga (Keks AG) angekommen ist, holt man sich erstmal in der Billjettnaja Kassa (Fahrkartenausgabe) sein Billjet (Fahrkarte). Man erkundigt sich danach bei der Informazija (Information), ob es schon neue Schelesnodoroschnij Sprawotschniki (Kursbücher) gibt. Danach geht man zur Platforma (Bahnsteig) und wartet auf seinen Gorodnij Express (Intercity). Nachdem man eingestiegen ist, zeigt man sein Billjet dem Konduktor (Schaffner), der mit seiner Kleschi (Zange) einen Kleschij Ottisk (Zangenabdruck) auf dem Billjet hinterläßt. Dabei fährt man am Zentralisatzii Strelok i Signalnow (Stellwerk) vorbei, von dem der Scheschurnuij (Fahrdienstleiter) freundlich grüßt. Klingt zwar ungewohnt, aber warum nicht.

Wäre doch mal eine Abwechslungt.

In diesem Sinne, Na sdarowje

(C) 1997 Volker Reiche

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s