Das „Eisenschwein“

 

Erinnerungen eines „fast zu späten Fans“

Das erste Zusammentreffen mit der von vielen Reichsbahnern „Eisenschwein“ genannten E94, alias 254 (DR) bzw. 194 (DB) fand für mich im Jahre 1983 anläßlich einer DMV Sonderfahrt statt. Zelebriert wurden eigentlich die Loks 03 1010, kurz nach ihrem Umbau auf Rostfeuerung und die 52 1538, als eine der wenigen noch verbliebenen „Nicht-Reko 52´er“.

Einen Teil der Rückfahrt, ab Neukieritzsch, besorgte die E94 056. Damals, als Schüler, wusste ich nicht viel von diesen Loks, fixiert auf den Fetisch Dampf war dieses grüne Teil mit rotem Fahrwerk Neuland.


Bild 1: E94 056 in Neukieritzsch mit DMV Sonderzug

 

Ab 1940 wurden die ca. 3000kW starken und 90km/h schnellen E-Loks für den schweren Güterverkehr von der DRB in Dienst gestellt. Insgesamt wurden 145 Loks dieses Typs gebaut, die sich außerordentlich gut bewährten. Nach dem Kriege fanden sich die Loks bei der DB, der ÖBB und der DR wieder. Ein Großteil der DR-Maschinen gab sich als Reparationsleistung ein unfreiwilliges „Gastspiel“ in der damaligen UdSSR, bevor sie wieder nach Deutschland zurückgegeben wurden.

 

Letztendlich gingen bei der DR 23 Maschinen in Betrieb, die in ihrem angestammten Aufgabengebiet, dem schweren Güterverkehr, sich ihre Brötchen verdienten.

 

Bild 2: Staubzug bei Leipzig-Wahren auf dem Viadukt

 

Nach dieser DMV-Sonderfahrt habe ich lange keine weiteren Berührungspunkte mit dem Eisenschwein gehabt, die anderen Lokomotivbaureihen der dampfenden Zunft nahmen mich voll in Anspruch.

 

Das Jahr 1988 war für die meisten Eisenbahnfreunde in der DDR ein Jahr des Umdenkens. Nachdem vielerorts die letzten planmäßigen Dampflokfahrten stattfanden und das Bw Halberstadt mit 50 3559 im Oktober 1988 den Schlussakkord einer über 150 Jahre andauernden Entwicklung setzte, standen viele Hobbykollegen vor der Frage „Was nun?“

 

So auch ich. Hänge ich meine Praktika an den berühmten Nagel und „lebe“ von Erinnerungen? Verbringe ich meine Zeit an den verbliebenen Schmalspurstrecken? Fotografiere ich Bügeleisen? Bügeleisen, so grüne oder rote Dinger? Nahezu geräusch- und emotionslos? Eigentlich nicht denkbar!

 

Ein guter Freund von mir hatte sich mit diesen Gedanken schon einige Zeit länger auseinandergesetzt und für sich eine Entscheidung gefällt. Statt den allerletzten 50.35 bzw. 52.80 in den immer kleiner werdenden Revieren mit viel zu vielen anderen E-Fred´s gemeinsam hinterherzujagen hatte er sich die Umlaufpläne und Stationierungsverzeichnisse der noch stark geforderten DR-Altbauellok´s organisiert. 244 und 254 hießen die neuen Zauberformeln. Ich war skeptisch!


Bild 3: 254 110 bei Heiterblick auf dem Güterring

 

Eines Tages fragte er: „Komm´ste mit nach Heiterblick Eisenschweine jagen?“

 

Warum eigentlich nicht, ich hatte eh nichts besseres vor!

 

Gesagt getan, mit dem nächsten Zug nach Leipzig gefahren, mit der 13´er Bimmel weiter nach Heiterblick und dann zu Fuß durch mir bis dahin unbekanntes Terrain an den Güterring.

 

An herumliegenden UT18 und NP20 Schachteln konnte ich sehen, daß diese Stelle nicht ganz unbekannt war.

 

Mein Kumpel sagte zu mir: „Wenn Du glaubst, ein Güterwagen kommt in der Ferne auf dich zugerollt, dann mach die Kamera klar!“ Und so war es auch. Wenig spektakulär und trotzdem intensiv war meine erste ernsthafte Berührung mit dem Eisenschwein. Mit einer endlosen scheppernden Schlange an Güterwagen brummte 254 110 an uns vorbei und verschwand in der Ferne Richtung Engelsdorf.

 

Ja, irgendwas ging doch von diesem fahrenden, unförmigen Trafo aus. Kraft, ja schiere aber doch kontrollierte Kraft war es, die diese Maschinen umgab. Das spürte man am besten, wenn man neben einer anfahrenden Lok stand. Man hörte das Schaltwerk, danach begann der Boden zu vibrieren und mit einem nicht zu beschreibenden mahlendem Brummen setzte sich die Lok und mit ihr der ganze Zug in Bewegung. Funken sprühten dann und wann an der Fahrleitung und signalisierten allerhöchste Kraftentfaltung. Das war schon ein Erlebnis! Immer schneller dröhnten die Wagen an einem vorüber und das Stakkato der Räder am nächstgelegenen Schienenstoß wurde immer heftiger. Und danach war mir zumindest der Name „Eisenschwein“ sehr verständlich.

 

Bild 4: 254 066 mit Güterzug in Borsdorf

 

Für mich stand fest, das ist zumindest für die nächste Zeit ein dankbares und sicheres Betätigungsfeld. Na klar, es war nicht die Liebe auf den ersten Blick, doch in den nachfolgenden Begegnungen habe ich das Eisenschwein schätzen gelernt. Heute vor die Wahl gestellt, mich zwischen einer Fototour mit Dampflok oder Eisenschwein zu entscheiden wäre die Antwort nicht einfach! Doch diese Frage stellt sich leider nicht mehr!

 

 

 

 

Eine sehr dankbare Leistung war der Güterzug Dg51677 von Leipzig Engelsdorf nach Dresden Friedrichstadt. Seine Ankunft im Dresdener Raum war so gegen 11:00Uhr, aber es kam öfters vor, daß man 13:00Uhr immer noch dastand und sich nichts tat. Nichts für ungut, als E-Fred war man ja so etwas gewöhnt und ein Güterzug ist halt kein Reisezug.


Bild 5: 254 153 in Dresden Stetzsch

 

Ein sehr beliebter Standpunkt war nahe Cossebaude. Vom Talhang zwischen blühenden Obstbäumen hindurch hatte man die Strecke von Coswig her fest im Blick. Ließ man die Augen weiter über die Gärtnereien schweifen, konnte man hinter der Elbe die Weinberge bei Radebeul sehen und bei günstigem Wind hörte man die Loks des Lößnitzdackels pfeifen.

 

So auch wieder am 2.April 1990. Beizeiten wurde am Talhang Stellung bezogen. Mal sehen wie lange es heute wieder dauert.

 

Zuerst näherte sich, wie so oft, ein Container. 250 114 zog in gemächlicher Fahrt an mir Richtung Friedrichstadt vorüber. Dann wieder lange nichts. Dann zeigte sich in der Ferne ein für mich nicht sofort identifizierbares Ding. Ich hielt sicherheitshalber die Kamera im Anschlag, man weiß ja nie, was es wird. Das sieht ja wie eine CSD-Maschine aus! T419 1505 stand dran. Was sucht die denn hier?

 

Wieder warten ….

 

250 216 mit einem weiteren Güterzug und danach 211 083 mit dem Berliner Personenzug gaben sich die Ehre, dann wieder lange nichts.

 

Was ist mit meinem Eisenschwein? Langsam machten sich Wolken am Himmel und bei mir Nervosität breit. Kurz nach 12:00Uhr passierte es endlich. 254 153 brummte in ihrer ganzen Herrlichkeit mit einer endlosen Leine am Haken heran. Zweimal „Klack – Schnurz“ mit der Praktika und zufrieden den Zug mit den Augen verfolgt. Als der Zug am Horizont verschwunden und das Poltern der Güterwagen verklungen war schulterte ich meine Fototasche und trollte mich heimwärts. Das war´s wieder mal, vor meinem geistigen Auge zog 254 153 noch mehrmals an mir vorüber und ich hoffte, daß Gnoien (bekanntes Groß-Fotolabor im Norden der DDR) beim Entwickeln des Dia-Films nicht wieder Mist macht!


Bild 6: 254 153 bei Cossebaude

 

Leipzig Hauptbahnhof am 2.11.1989. Ich marschiere zielgerichtet den Querbahnsteig entlang und hoffe fündig zu werden. Da, 254 153 vor einem Reisezug!

 

Kamera aus der Tasche, Tasche ausgerichtet, Kamera drauf und hoffen, daß ich beim Auslösen nicht verwackle und keiner ins Bild läuft.

 

Eisenschweine im Reisezugdienst? Ja, auch das gab es. In diesem Falle allerdings wurde 254 153 „nur“ zur planmäßigen Zuführung des Wagenparks für einen Personenzug eingesetzt.


Bild 7: 254 153 Leipzig Hbf.

 

In den letzten Einsatzjahren waren alle noch betriebsfähigen Loks der BR 254 im Bw Engelsdorf beheimatet und befuhren von dort aus den ganzen Süden der DDR. So konnte man sie u.a. in Riesa, Dresden, Reichenbach, Zwickau, Erfurt aber auch in nördlicheren Gefilden wie Falkenberg und Seddin antreffen.

 

Ein Studienkollege arbeitete eine Zeit lang als Praktikant im Bw Engelsdorf. Er erzählte, daß die Wartung der Maschinen eine echte Knochenarbeit war. Sehr „beliebt“ beim Werkstattpersonal war das Bremsen nachstellen. Danach sah man aus wie ein Schwein und wusste abends was man gemacht hat! Die letzten Jahre waren geprägt von immer größer werdenden Ersatzteilproblemen, was dann und wann auch die endgültige Abstellung einer Maschine bewirkte. Dem wirkten die Reichsbahner im Bw Engelsdorf und im Raw Dessau mit viel Erfindungsgeist und Improvisationstalent entgegen, denn die Volkswirtschaft brauchte jede Lok, koste es was es wolle!

 

Zwischen 1979 und 1982 erwarb das Braunkohlenkombinat Bitterfeld von der DR vier Maschinen der BR 254. Diese Maschinen standen nicht sehr im Interesse der bahninteressierten Öffentlichkeit. Für mich ergab sich im Jahre 1989 die Möglichkeit nahe Delitzsch eine dieser Maschinen in ihrem neuen Einsatzgebiet zu erleben.

 

1-1122 stand in großen Lettern an der Seitenwand. Dahinter verbarg sich 254 058.


Bild 8: 1-1122 (ex. 254 058) in Delitzsch

 

Die Maschine wurde genutzt, um Kohleganzzüge im Anschluß an das Braunkohlennetz zu befördern und die mit Kohlezügen in den mit 16 2/3 Hz. Bahnstrom elektrifizierten Übergabebahnhof eingefahrenen abgebügelten Grubenloks El2 zu verschieben.

 

Äußerlich war unsere 058 in einem der Umgebung angepassten Zustand, gezeichnet von Kohlenstaub und Dreck.  Diese Lok ist auch heute noch erhalten bei der Ferropolis Bergbau- und Erlebnisbahn e.V.


Bild 9: 254 153 auf der Fahrt von Dresden Friedrichstadt nach Leipzig Engelsdorf nahe Röderau

 

Im Mai 1989 erfuhr ich von einer Sonderfahrt der 218 031, die von Riesa kommend nach Leipzig fuhr. Die Zeitangabe war wie immer etwas vage, früher Nachmittag hieß es. Ich zog also beizeiten los und suchte mir eine geeignete Stelle bei Dahlen. Erstaunlicherweise musste ich gar nicht lange warten und 218 031 rauschte mit ihrem Sonderzug durch. Na das war zwar ganz nett aber irgendwie alles viel zu schnell vorbei! Vielleicht kommt noch eine 254´er. Ich fuhr nach Dornreichenbach, peilte die Lage und erfuhr, daß gleich eine aus Richtung Wurzen kommen sollte.

 

254 115 brummte mit ihrem Güterzug in den Bahnhof herein und baute sich „fotogerecht“ auf. Im Anschluß daran wurde wild „gehobelt“, da der Zug in ein Anschlussgleis bugsiert werden musste. Das war natürlich ein Fest für mich und bescherte etliche schöne Aufnahmen. An diesen Nachmittag denke ich noch gerne zurück, hatte ich da ja auch genug Zeit am Objekt meiner Begierde zu sein.


Bild 10: 254 115 in Dornreichenbach

Im Dezember 1990 war es dann soweit. Nachdem in den vorangegangenen Monaten die Leistungen der letzten 254´er immer weiter zusammengestrichen wurden, sicher auch wegen zurückgehenden Transportbedarfes, hieß es vom Plandienst Abschied nehmen.

 

Dazu wurde am 15.Dezember eine großangelegte Sonderfahrt mit zwei Maschinen organisiert, die das sächsische „E“-Dreieck nochmals befuhren.

 

Mit einigen anderen Kollegen wurde diese Fuhre in Edle Krone erwartet. 254 106 brummte gemeinsam mit 254 056, der heimlichen Museumslok, aus dem Tunnel heraus um mit dem Sonderzug am Bahnsteig zum Stehen zu kommen. Das Wetter war dem Anlaß angemessen, bewölkter Himmel und Schneeregen. Während wir uns alle fotografisch betätigten war mir noch nicht klar, daß es tatsächlich meine letzte Begegnung mit dieser Baureihe unter DR-Regie sein sollte. Mit einem langen Pfiff verabschiedeten sich beide Maschinen bei der Abfahrt und rollten Dresden entgegen.


Bild 11: DR Abschied mit 254 106 & 056 in Edle Kron

 

Anfang 1991 verschlug es mich aus beruflichen Gründen nach Bayern. In diversen Eisenbahnzeitschriften habe ich schon mit Faszination verfolgt, daß die E94 unter ÖBB-Flagge noch täglich in größerer Stückzahl im Einsatz steht. Nach dem zweiten Weltkrieg verblieben 44 ehemalige DRB Maschinen in Österreich. Drei weitere wurden nachgebaut. In den siebziger Jahren wurden die Maschinen modernisiert, was man z.Bsp. deutlich an der Stirnfensteranordnung erkennen kann.


Bild 12: 1020 012 in der Zf. Wörgl

Die Zf. Wörgl setzte die 1020 genannten Maschinen u.a. regelmäßig auf der Brennerstrecke und Richtung Saalfelden ein.

 

Mein erster Besuch dort ließ mich begeistert durchatmen. Gut geputzt in leuchtendem „Blutorange“ standen etliche Maschinen aufgerüstet in der Zf. Für einen „Reichbahnenthusiasten“ war die Farbgebung schon etwas gewöhnungsbedürftig, aber es war unser Eisenschwein.

 

Ein Tag schon an der Brennerstrecke brachte gute „Beute“. Größtenteils wurde RoLa oder Containerzüge gefahren. Alles war gut ausgelastet und häufig wurde nachgeschoben. Für Irritationen sorgte ab und an die Tatsache, daß auf der Brennerstrecke links gefahren wird, was einen aus Gewohnheit schon mal einige Fehleinschätzungen zum Bildaufbau machen lies.


Bild 13: 1020 015 im Tiroler Winter nahe St. Johann

 

Die Atmosphäre an den genannten ÖBB-Strecken ist einfach Klasse, grandiose Landschaft, lange Züge, große Zugdichte. Langeweile ist da nie aufgekommen. Die Einsätze bei der ÖBB waren bis 1993 konstant. Ab da wurde schrittweise der Einsatz reduziert, im Raum Villach fanden 1995 die letzten Planeinsätze statt.

 

Zwei bekannte DR Maschinen (254 110 und 040) traf ich Ende der neunziger Jahre im ehemaligen Munitionsdepot „Altes Lager“ bei Jüterbog wieder. Beide sahen noch recht gut beieinander aus, besser als die meisten der sie umgebenden Dampfrösser, obwohl die Spuren der letzten Jahre nicht mehr zu leugnen waren. Ich wünsche den beiden, daß sie doch noch eine optische Frischzellenkur bekommen, verdient hätten sie es.


Bild 14: 254 040 in Jüterbog „Altes Lager“

 

Aber das war noch nicht das endgültige „Aus“. Wie robust und zuverlässig unser Eisenschwein ist sieht man an den heutigen Einsätzen einiger dieser Maschinen im Dienste von privaten Bahnunternehmen und diverser Eisenbahnmuseen.

 

So befinden sich im Bestand der PEG Cargo die 194 051 und die 254 052 sowie bei der Mittelweserbahn (MWB) die 1020 041. Diese Maschine war davor schon im Dienste der ESG, wo sie mir eher zufällig im Jahr 2002 in München Ostbahnhof ganz rüstig vor die Linse fuhr. Leider stellte die ESG Ende 2003 ihren Betrieb ein.


Bild 15: 1020 041 ESG in München Ostbahnhof

 

Ich wünsche den noch vorhandenen E94 einen repräsentativen Standplatz, liebevolle, pflegende Hände und den echten Unruheständlern unter ihnen noch viele unfallfreie Einsätze zur Freude der einsetzenden EVU´s bzw. Eisenbahnmuseen. Mich freut es immer, wenn eine E94 in ihrer unverkennbaren Art unterwegs ist und an mir vorüber brummt. Laßt beim Anfahren bitte noch oft die Erde beben!


Bild 16: 254 153 im nächtlichen Hauptbahnhof von Leipzig

München im Juli 2004, (C) by Ralf Auraß

 

 

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