Würstchenräucherei 52.8 – Aprilscherz mit Dampf

Irgendwann im Februar 1988 kam mein Kumpel Reinhardt Labowski auf die Idee, in den Vereinsschaukasten der damaligen DMV AG 6/ 72 – im Bahnhof Eilenburg einen Aprilscherz anzubringen. Da wir 1988 kurz vor dem Dampfende standen, wollten wir noch einmal die Gelegenheit nutzen, was mit den Dampfern zu machen. Die 52.8 des Bw Engelsdorf besuchten Eilenburg noch täglich am Spätnachmittag mit dem Dg 55619 und fuhren Abends mit dem Ng66624 wieder nach Hause.

Wie wir aber auf Würsten kamen, daß weiß ich heute leider nicht mehr, wir stellten uns schließlich die Frage: ….warum sollen in Dampflokomotiven nicht auch leckere Knacker geräuchert werden, schließlich hat die DDR jede Reserve ausgeschöpft und hier sollten die Dampflokomotiven in den Einsatzpausen als Räucherkammern dienen. Die fragenden Blicke von den Reisenden zeigten später, daß so etwas in der DDR wirklich für möglich gehalten wurde, auch wenn es noch so ungewöhnlich war.

Mitte März startete unsere Aktion, nur noch 528186 und 528119 standen für den Einsatz zur Verfügung und benötigt wurde nur noch eine Maschine täglich. Für unsere Wurstaktion hatten wir total bescheidenes Wetter herausgesucht, den ganzen Tag gab es schon den feinen hässlichen Nieselregen.

Das Personal wurde schon ein paar Tage vorher informiert und wusste Bescheid. Fast die ganze DMV AG 6/ 72 war in der Einsatzstelle Eilenburg vertreten und wartete auf den Dg55619, der Planmäßig um 16.21 in Eilenburg eintreffen musste. Doch der Zug war schon immer unpünktlich und so wartete man eine ganze Weile. Als der Zug schon eine halbe Stunde überfällig war, wurden wir unruhig da wegen des miesen Wetters das Licht nach lies und so die Fotoaktion im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser zu fallen drohte.

Eine Wiederholung der Sache war auch schlecht möglich, da nicht jedes Personal so etwas mitmachen würde, die Würstchen wohl auch bald nicht mehr appetitlich aussehen werden und der 1. April als Termin uns auch im Nacken saß.

Wir fragten in der Lokleitung nach und erfuhren, daß der „55619“ mindestens bis 18.00 Uhr im Bahnhof Jesewitz (heute KBS 215) stehen wird. Jetzt ging es schnell, Würstchen ins Auto gepackt und ab nach Jesewitz. Hier stand nun unsere 528186 auf dem Rand. Der Meister Andre‘ Aurich war schon informiert und freute sich auf die Würstchen. Sein Heizer begann inzwischen die Rauchkammertür zu öffnen und wir wickelten die Würstekette um eine Holzleiste.

Doch auf einmal wären uns fast die Würste aus der Hand gefallen, denn das Ausfahrsignal leuchtete grün – grüner ging es nicht mehr.

Jetzt hieß es handeln, schnell die Rauchkammertür zu gemacht, die Würstchen wieder ins Auto gepackt und ab ging unsere Fuhre.

Die 528186 stampfte los ohne zu trampeln, obwohl sie gut 1200t am Haken hatte und es den ganzen Tag nieselte. Natürlich waren wir mit dem Auto schneller in der Einsatzstelle, als 528186, auch wenn wir nur mit einem „Trabbi“ dahinflogen.

Die 528186 kuppelte ab und kam langsam ins BW gerollt. Erst einmal wurde ausgeschlackt und dabei Wasser genommen.

Jetzt wurde abermals die Rauchkammertür geöffnet und die Würste fotogen dort hineinplaziert. Als nun alles so war wie wir es uns wünschten, ging die Knipserei los. Mal mit und mal ohne Lokpersonal, Andre‘ war immer für einen solchen Spaß zu haben. Nachdem wir nun genügend Fotos im Kasten hatten, wollten wir auch die Würstchen essen. Unser Vereinskollege Klaus Abicht hatte sich extra eine Fleischerschürze ausgeborgt und baute unsere Würstchenkette ab. Doch so ganz appetitlich waren die Knacker nicht mehr, denn sie waren kräftig Ruß geschwärzt – was macht man da? Man dreht ein wenig den Wasserkran auf und spült mit Muldewasser die Würste sauber. Wohl scheint hier das Geheimnis zu liegen, dass wir seit dem Genuss von evtl. „krebserregenden“ Ruß und „giftigen“ Muldewasser, bester Gesundheit erfreuen können.

Die Würste ließen wir uns natürlich schmecken, alles wurde noch einmal im Bild festgehalten und weil es so viele Würstchen waren, mussten Lokleiter, Rangierer und andere Bahnmitarbeiter von den Würstchen probieren. Dann war es aber schon wieder soweit, 528186 fuhr zum Bahnsteig 4 vor, dort stand schon Ng66624 zur Rückfahrt nach Engelsdorf bereit. Pünktlich verließ ,,8186″ 19.07 Uhr unseren Bahnhof und verabschiedete sich mit einem langen Pfiff. Es war kaum vorstellbar, dass schon in zwei Monaten alles vorbei sein sollte. Wir gingen nun in die MITROPA und ließen den Abend gemütlich bei Bier und was „richtigen“ zu Essen ausklingen. Wir stellten fest, die 528186 könnte die einzige Dampflok gewesen sein, die wirklich einen „Würstchenkessel“ besaß. Der Schaukasten wurde pünktlich zum 1.April präsentiert und wie ich schon erwähnte waren die Leute echt erstaunt, was so eine Lok alles kann und kaum einer dachte wirklich an einen Aprilscherz.

Nur knapp 8 Wochen darauf fuhr 528186 den letzten Planzug für das Bw Engelsdorf und beendete die Dampflokära des Bahnhofs Eilenburg – wie auch des Bw Engelsdorf mit dem Nahgüterzug 66624.

Thomas Nitch (C) 1992

Foto: R. Labowski

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